
Landleben hautnah: Urlaub am Biobauernhof Mittermoos

„Tua nur wos’d mogst, nimm da vü vor, a wennst ned all’s dapackst“, so singt das Austropop-Trio STS in einem ihrer Lieder. Die Zeilen kommen der Anna-Maria in den Kopf, als sie an ihren Weg denkt. Obwohl sie sich eigentlich lieber im Hintergrund hält, erzählt mir die sympathische Kirchbergerin dann doch bei einem gemütlichen Plausch in ihrem Café aus ihrer Vita.
© PrivatGeboren wird Anna-Maria 1982 am zwischen Kirchberg und Aschau gelegenen „Rohrer“-Bauernhof. Nach Andrea, Helene und Christian Jr. ist sie das vierte Kind von Marianne und Christian Hetzenauer. „I wår vom Ålter hint nåch und wollt immer mit den großen Geschwistern und ihren Freunden mitspielen“, lacht sie. „Åber schee wår’s dahoam. Wir håm ein behütetes Zuhause g’håbt und uns is nia eppas åbgången“, auch wenn sie freilich immer fleißig mithelfen mussten. Zur Gastronomie hatte ihre Familie kaum Bezug, abgesehen von Wirtshausbesuchen an Feiertagen, oder wenn der Papa und die Geschwister als hervorragende Musikanten wo aufspielten. Anna-Maria besucht die HBLA, die Schule für wirtschaftliche Berufe in Saalfelden. Da ahnt sie noch nicht, dass sie später mal selbständig sein möchte, denkt eher an eine Zukunft als Zeitungsredakteurin oder Bauernhof-Tierärztin. „I wår a bissl hin und hergerissen zwischen ålle möglichen Såchen“, erzählt sie. „I håb mi immer scho für alles interessiert, und i find a Menschen sehr interessant“. Als sie ein Praktikum machen muss, schlägt ihr die Mutter den „Bechlwirt“ in Kirchberg vor. Es klappt und ist ihr erster Kontakt mit der Gastronomie. Nachmittags ist sie in der Küche eingeteilt und abends im Service. „Und am ersten Tåg håb i glei a Tableau voll Sektglasl owig’schmissen“, lacht die heutige Unternehmerin. „Und dånn wår Plåtzkonzert vor dem Haus, und des håt mir taugt, dass es auf der Terrasse so zuagången ist“. Tags drauf ist keine Veranstaltung, „und dånn wår mir glei långweilig“. Aber sie findet Spaß an der Arbeit, hilft auch in den Ferien gern aus, „und des wår fåst wichtiger wia die Schul’ für mi“. Anna-Maria kommt bei den Gästen gut an, und die Angst, die sie noch in der Schule beim Servieren des Probeessens für die Eltern hatte, die legt sich bei den einheimischen Stammgästen im „Bechl“ schnell.
© PrivatNachdem sie die Matura bestanden hat, versucht sich Anna-Maria in einem Büro, doch das ist ihr zu fad. Da düst sie lieber mal schnell zum Münchner Oktoberfest zur Meisterprüfung im Kellnern. Im „Löwenbräu“-Zelt wird erst mittags ausgeschenkt. „Håb i ma denkt, bist schlau, stellst dich scho um Viertel vor zwölf an, damit du a Bier dag’långst“. Trotzdem ist sie in der Schlange die letzte, weil die erfahrenen Kolleginnen bereits um zehn dort waren. Sie hört, dass man mit bloßen Händen so zehn Maß Bier tragen kann. „Jå, guat, zehne danimmst scho“. Doch damit schafft sie es nur bis zum ersten Müllkübel, auf dem sie die wertvolle Fracht abstellen kann. Zum Glück hilft ihr eine andere Kellnerin beim Weitertransport, „weil sonst hätt ich’s då stehen låssn ¬miassn“, und dann wäre die Gage wohl versemmelt gewesen. Wobei ihr der Verdienst gar nicht so wichtig ist, sie will einfach auch Spaß haben und erfahren, wie es in dieser Gastronomie so läuft hinter den Kulissen. Das kann sie auch beobachten, als nah an ihrem Dahoam die Talstation des Pengelstein-1-Liftes gebaut wird und ihr Bruder daher den elterlichen „Rohrerstadl“ zur Skihütte ausbaut. Er verpachtet das Lokal am Farmbühel, und weil Anna-Maria an diesem schönen Fleckei Feld mit dem Stall schon früher immer gern war, will sie nun dort arbeiten. Und bis es soweit ist, jobbt sie noch in der Diskothek „Fuchslöchl“.
© PrivatMit 24 dann der Ruf zur Selbständigkeit, als sie angeboten bekommt, die Kellerbar des Restaurants „Pfeffermühle“ zu betreiben. „Des håt mi glei g’lust“. Mutig sagt sie sich, dass sie nicht viel zu verlieren hat. „Des probier i, und sist fång i hoit no amoi u“. Sie sieht es als spielerische Herausforderung. „Ma muass Sachen toa, damit sie passieren, egal worum’s geht. Ma muss des u’greifen, wenn ma wås måchen, schåffen oder håben will“. Einfach tun! „Und so guat toa, wie ma es halt ku“. Erst will die Kirchbergerin nur die Wände anders bemalen, „und g’worden is es dånn eigentlich ein Komplettumbau“, inklusive Einbau einer neuen Bar. Denn auch das Planen, Umreißen und Einrichten macht ihr viel Spaß. Dafür nimmt sie Geld auf, und eröffnet 2007 ihre Bar -„Kracherl“. Anfangs denkt sie: „Wås håb i ma denn jetzt u’tu?“, doch dann strömen Gäste und Freunde, meist ihres Alters, herbei, „und alles nette Leut, und oafach a Gaude“. Da weiß die Kirchbergerin: That’s it! Dabei sieht sich Anna-Maria nicht als Koryphäe, „und viele håm mir des a nicht zugetraut, dass des wås wird“. Falsch gedacht, und bald gibt es Eltern, die ihren Kindern erlauben auszugehen, aber nur ins „Kracherl“. „Weil wir so harmlos und normal waren“, sagt die Wirtin. „Und i wollt immer eppas, wo jeder nur hingeht, um Spaß zu håben“. Und auch ihr selbst bereitet es so viel Freude, dass sie im Winter Tag und Nacht arbeitet. „Oben den Rohrerstadl aufg’sperrt, zuag’sperrt, und unten das „Kracherl“ auf- und zuag’sperrt“. Dafür engagiert sie ihre erste Angestellte und einige Aushilfen. Und als der „Stadl“ nach drei Jahren wieder frei wird, „dånn håb i den a no übernommen“. Schon von klein auf hat Anna-Maria die Musik geliebt, hat mit neun Harfe spielen gelernt, und stellt nun auch gern die Playlists für ihre Lokale zusammen. „Die Musig is mei Wetta“, und da beglückt sie neben dem Ausschenken ihre Gäste bunt gemischt – von Volksmusik über Pop und Rock zu Metal, vom „Schönfeld-Marsch“ über „Highway to hell“ zu „Heiße Nächte in Palermo“. „Und i måch des Lokal und die Musi so, wie i bin. Und i bi koa Kind von Traurigkeit“ lacht sie.
© PrivatAnna-Maria liebt ihren Beruf, doch ihre Kinder Ameli (14), Max (12) und Marcel (7) sind ihr das Wichtigste im Leben. Die Zeit der ersten Schwangerschaft ist nicht leicht für sie. Zudem läuft’s auch im Lokal plötzlich schlecht, und es geht das Geld aus. „Då håb i moi nimmer g’wisst, wia’s weitergehen und wia i des schåffen soll“, erzählt die Gastronomin. „Und dånn sollst åber unter die Leut, und dabei lustig sein“. Sie ist angeschlagen, aber sie beißt sich durch. „Her und nit aufgeben“. Sie denkt da auch an den Rat ihres Vaters: „Boidst rutschst, mågst gråd Gas geben!“ Nur nicht bremsen, das gilt fürs Autofahren und wohl auch fürs Leben. Die Geburt dauert lange, doch dann bricht plötzlich das ganz große Glück in Anna-Maria durch. „Und es wår der größte Zauber, mei erstes Kind. Wie i des kloane Zwutschgerl dahoam auf die Couch g’legt hu, des wår des Scheenste“. Und sie wird es später noch zweimal erleben dürfen. Nachdem sie einige Zeit in einer Mietwohung gelebt hat, ist neben ihren Kindern das Häuschen, das sie kauft, ihr größter Stolz. Mit all dem ist die Lebensfreude der jungen Mutter zurück. Und auch ihr berufliches Baby, das „Kracherl“ floriert bald wieder. Doch dann soll die Kirchbergerin es abgeben, und das beschert der fleißigen Anna-Maria die nächste Krise. Sie fühlt sich ausgebrannt, „vielleicht, weil i überall so viele Emotionen einisteck“. Doch wieder kämpft sie. „I håb ja a miassn wegen die Kinder“. Ihr langjähriger, steirischer Freund Fredi ist mittlerweile privat ihr Partner und unterstützt sie sehr. „Und dånn håb i dafrågt, dass die Gastronomie in der arena 365 frei wird“, in der Kirchberger Sport-, Freizeit- und Kultur-Veranstaltungshalle. Anna-Maria bekommt die Zusage und kann sich nun dem „Kracherl 2.0“ widmen, das sie nach nur fünf Wochen Übergangszeit voller neuer Freude eröffnet. Als ihr drittes Kind Marcel mit sechs Monaten am Arm von Papa Fredi hockt, machen die beiden der Mama einen Heiratsantrag. „Und natürlich håb i glei Jå g’sågt“, lächelt sie. Da wird ein kleiner Moment ganz groß, und im Jahr drauf findet die glückliche Hochzeit statt.
2021, in der Corona-Zeit mit seinen Einschränkungen, erfindet sich Anna-Maria wieder neu, und nach dem Motto „Kracherl goes 20erl-Pub“ soll dort das Leben wieder gefeiert werden, mit Good Vibes & Good Music, auch mit einem DJ und Live-Bands. Und letztes Jahr startet sie noch ein Herzensprojekt, das Café „kleiner Moment“, in dem sie zu aromatischen Kaffees, Tees und Drinks, auch Speisen offeriert. Der Alltag ist für die dreifache Mutter und dreifache Lokalbetreiberin wie ein tägliches Abenteuer, bei dem sie die Anforderungen ihres Berufs, den Haushalt und die Betreuung ihrer geliebten Kinder, zu bewältigen versucht. Anna-Maria muss dabei sehr flexibel sein und einspringen, wenn jemand ausfällt. Ihr Team, dem auch Schwester Helene und ihr gastrobegeisterter Neffe Anton angehören, liegt ihr sehr am Herzen. „Åber das Wichtigste wår und is mir, dass es den Kindern guat geht. Und i glab, des håmma immer guat g’schåfft. I håb die wunderbarste Familie und die besten Kinder, die es gibt. Und es is nix scheener, wie wenn sie a Freid håm“. Ab und zu geht Anna-Maria gern in die Schwammerl und auf den Berg, „weil’s so bärig is bei ins!“ Ich vermute, dass sie da öfter mal einen kleinen Moment für sich ganz allein braucht, aber: „Na, i siech des nit so, für mi is eigentlich mei ganzes Leben ein Moment“. Seit zwei Jahren besucht sie auch wieder die Musikschule, lernt Klavier und Tuba. Ich hab das Gefühl, dass in dem künstlerischen Multitalent zwei Seelen wohnen, eben die zarte Harfe, aber auch die kräftige Tuba. Anna-Maria ist eine starke, mutige und inspirierende Frau, die ihr Leben lebt, und die das Lied von STS immer noch gern mitsingt: „Heb dein Arsch, sei ned faul, hab nur kan Respekt, mit wache Knie håt no kana die Wöd nei entdeckt“.
TEXT: EDUARD EHRLICH FOTOS: PRIVAT