Das Singen und Klingen der Glocken - Der Glockengießer aus dem Pillerseetal


Seit 1870 werden in der Metallgießerei von Wolfgang Olivier Glocken von Hand gegossen.
Das taditionsreiche Kunsthandwerk sorgt für den guten Ton im Alpentraum.

Wolfgang Olivier ist einer der letzten Kleinglocken- und Kunstgießer im Tiroler Unterland.
Er trat in die Fußstapfen seines Ururgroßvaters Joseph Lugmair, der im Jahr 1870 eine Glockengießerei in Waidring gründete. Bis heute werden dort etwa 5.000 Glocken im Jahr produziert und in ganz Mitteleuropa, vor allem aber im alpenländischen Raum, verkauft. Die von Wolfgang Olivier produzierten Kuhglocken zeichnen sich besonders durch ihren Klang aus. „Ganz entscheidend ist die Materialmischung. Alles muss singen und klingen. Wenn es nicht perfekt passt, dann bekommt man einen dumpfen Ton“, erzählt Olivier.

Die Bauern suchen die Glocken nach ihrem Klang aus – das Gefallen ist hier entscheidend. Zeitweise wird auch ein fertiges Geläut in unterschiedlichen Tonhöhen bestellt. Circa 50 Prozent seines Geschäftes macht der Glockengießer mit Kuhglocken, diese werden von Zwischenhändlern direkt auf Viehmärkten und Tierausstellungen verkauft. Eine Glocke für den Gebrauch auf der Weide sollte nicht über 1,5 Kilogramm wiegen. Größere Modelle werden nur für Almabtriebe verwendet. Seit 1870 werden in der Metallgießerei von Wolfgang Olivier Glocken von Hand gegossen. Das traditionsreiche Kunsthandwerk sorgt für den guten Ton im Alpenraum.

Ein Klang für die Ewigkeit

Viele Glocken, die in der Gießerei Lugmair produziert werden, halten über hundert Jahre. Das ist vor allem bei größeren Glocken relevant: Kapellenglocken erfahren über die Jahre eine Wertsteigerung. Immer wieder wird Wolfgang Olivier um eine Schätzung gebeten: „Ein Neuguss würde vielleicht 1.500 Euro kosten, aber alte Glocken haben einen Wert von 3.000 bis 4.000 Euro.“ Eine von seinem Großvater Joseph Foidl in den 50er-Jahrenangefertigte Kuhglocke wurde vor Kurzem für über 1.900 Euro im Internet versteigert. Der Markt wird von Sammlern dominiert, welche die Preise in die Höhe treiben.

Und es geht weiter und weiter

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Neben den Glocken aus Bronze stellt Wolfgang Olivier auch Kunstgüsse aus Messing her.
Die Anfertigung neuer Formen ist anspruchsvoll und verlangt Kreativität. Dafür sind Spezialanfertigungen aller Art möglich: Türgriffe für Jagdzimmer in Hornform, schlangenkopfförmige Gürtelschnallen oder eine Zunge als Wasserlauf für einen Brunnen – die Nachfrage ist unendlich. Immer wieder bildet Wolfgang Oliver Lehrlinge aus, die meiste Zeit aber steht er alleine in seiner Werkstatt.„Mich wundert es, dass es immer so weitergeht. Schon in den 80er-Jahren haben sie uns prophezeit, dass es irgendwann weniger Arbeit geben wird. Aber für uns ist es immer mehr geworden“, so Olivier. Das liegt vor allem daran, dass die Glockengießerei Lugmair für die Qualität ihrer Glocken bekannt ist.

Zwei Dinge hat der alte GlockengießerJoseph Foidl seinem Enkel mit auf den Weg gegeben: Zuallererst muss man Geduld haben.
Und dann darf man nicht von seinen hohen Qualitätsstandards abweichen, auch wenn die Arbeit schwer und zeitweise unangenehm ist. „Es ist ein dreckiger Beruf. Der schwarze Staub ist überall und wenn es im Freien heiß wird, hat man in der Werkstatt eine Raumtemperatur von bis zu 75 Grad. Da kriegst du fast einen Kreislaufkollaps“, schildert der Glockengießer, der die Strapazen seinen Handwerks trotzdem gerne in Kauf nimmt.

Der Glockenguss

Kuhglocken werden im Sandgussverfahren produziert. Schwarzer Quartzsand wird mit Bindemitteln versetzt und mit einer Modellglocke in Form gebracht. Bronze besteht zu 14 Prozent aus Zinn und zu 86 Prozent aus Kupfer, daher rührt der rötliche Schimmer des Metalls. Das Material wird im Schmelzofen auf 1.280 Grad erhitzt, bis es schmilzt. Dann wird es von oben in die Form gegossen und füllt den Hohlraum aus. Schon nach einer halben Stunde ist das Metall erkaltet und kann aus der Form geschlagen werden. Der Klang wird direkt überprüft.
In Folge wird die Glocke poliert und der Klöppel wird eingehängt. In Tirol stellt man die Glocken seit dem 14. Jahrhundert her. Und heute wie damals werden sie von Hand gegossen. „Im Grunde wende ich dieselbe Technik wie im Mittelalter an“, erklärt Wolfgang Olivier.

Der Klang der Glocken

Entscheidend für den Klang der Glocken ist die richtige Materialmischung: Circa 80 Prozent Kupfer und 20 Prozent Zinn werden bei 1.280 Grad zu Bronze verschmolzen. Die exakte Zusammensetzung bestimmt den Klang: bei einem zu hohen Kupferanteil klingt die Glocke dumpf, bei zu viel Zinn wird sie schrill. Der lange Nachhall ist vom perfekten Guss abhängig, weshalb die Glocken direkt nach dem Gießen angeschlagen werden, um den Klang zu prüfen.
Glocken maschineller Herstellung bringen nie den ausgewogenen Klang einer gegossenen Glocke. Die Größe der Glocke steht in direktem Zusammenhang mit der Tonhöhe: je größer, desto tiefer der Ton. Unterschiedliche Größen harmonieren miteinander und ergeben zusammen eine Tonleiter. Das macht den typischen Klang einer Kuhherde aus.

Tipp:

Reisende, die ein bisschen Zeit mitbringen, können sich ihr ganz persönliches Souvenir gießen lassen - eine Hausglocke mit Namen oder eine Tischglocke mit dem Familienwappen.

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