Interview mit einem „Peaschtl“

Martin Krainthaler erzählt vom Brauch des „Peaschtl-Laffns“.

Ein schwarzer Nachthimmel spannt sich über dem Pilgerhof in Mariastein, Nebelfetzen ziehen entlang der Kirchenmauern. Einheimische und ein paar Besucher aus den Nachbarorten stehen beisammen, wärmen sich mit Glühwein und lassen sich die gegrillten Würstl schmecken, ihr Atem dampft in der nasskalten Nacht. Sie warten. Der Nikolaus mit dem Teufel und den beiden Engerln war schon da. Jetzt sollen die „Peaschtlpassen“, die Perchten-Gruppen kommen. Und schon ziehen sie ein in den Pilgerhof, mit Getrommel und Getöse.

Perchten in Mariastein© Barbara Moser

Perchten im Pilgerhof in Mariastein

An die 6 bis 8 verschiedenen Passen kommen jährlich am 5. Dezember nach Mariastein in den Pilgerhof und führen ihren Tanz vor. Mariastein gilt gemeinsam mit den Gemeinden Angerberg und Breitenbach als “ Wiege des Perchtentums“. Seit wann es den Brauch des Perchtentums genau gibt, von wo er kommt und was er eigentlich bedeutet: Darüber wurden zwar viele Nachforschungen angestellt, handfeste Ergebnisse gibt es jedoch nicht. Martin Krainthaler, Schnitzer in Mariastein und Mitglied der „Seppn-Pass“, meint, dass der Brauch die Fruchtbarkeit des kommenden Jahres fördern soll. „Je mehr Leut' sich der Pass anschließen, und je lauter sie sind, umso besser.“

Perchten im Pilgerhof© Barbara Moser

Eine Perchtengruppe zieht zu Fuß von Station zu Station

Die Seppn-Pass ist deshalb auch laut. Aber sonst unterscheidet sie sich von vielen anderen Perchten-Gruppen. Das Wichtigste: Martin und seine Pass, die aus zirka 8 Männern besteht, gehen zu Fuß. Sie haben viel weniger Bratschen - so nennt man die getrockneten Blätter von Maiskolben - an ihrem Gewand befestigt und daher kaum Gewicht, das sie mit sich herumschleppen müssen. Und sie tragen kleinere Masken, aber fürchterlich genug sind sie. So eine traditionelle Pass setzt sich aus „Gloggingern“, Trommlern, Bockhörndlbläsern und einer Hexe zusammen. Die Glogginger haben eine große Kuhschelle um die Mitte geschnallt und hüpfen auf und ab, um Krawall zu machen und damit den Trommlern um nichts nachzustehen. So ziehen sie in Mariastein und Angerberg von einer Station zur anderen, führen ihren Tanz vor und werden dafür zur Einkehr eingeladen. Die Seppn-Pass ist benannt nach dem Bäckn-Sepp – eine Legende in Mariastein. 70 oder gar 80 Jahre lang war der Sepp selbst als Peaschtl unterwegs. 1976 ist er gestorben, seine Nachkommen führen das „Peaschtl-Laffn“ weiter.

Kinderperchten© Barbara Moser

Noch einen Ort weiter, in Breitenbach, liegt ein „Epizentrum des Peaschtlkults“. „Då gibt’s, moan i, an die 50 Passen, die Breitenbacher sand da ganz fanatisch“, weiß Martin. Bei 3.400 Einwohnern ist das kein schlechter Schnitt, da ist praktisch jeder dritte Mann oder Bub ein Peaschtl, denn der Brauch ist ja reine Männersache.

Im November, als ich mit Martin über die Peaschtln rede, arbeiten viele junge Männer bereits seit einigen Wochen an ihren Gewändern. Das Anbringen der getrockneten Maisblätter ist viel Arbeit.

Maskenschnitzer© Barbara Moser

Die Seppn-Pass tut sich da leichter. Die paar Bratschen, die im letzten Jahr verloren gegangen sind, sind schnell wieder ersetzt. Sie werden mit einer eigenen Technik geknüpft, Martin weiß als einer der Wenigen noch, wie das geht. Und als Schnitzer macht er natürlich auch die Masken, die Larven. Unzählige hat er schon gefertigt, im Herbst bietet er auch wieder Schnitzkurse an. An Nachfrage mangelt es nicht, das Peaschtllaufen ist „in“ wie kaum jemals zuvor, mittlerweile fast überall. Viele Buben arbeiten schon in ganz jungen Jahren mit viel Fleiß und Begeisterung an ihren furchterregenden Fratzen aus Holz, die, weil selbst gemacht, natürlich am wertvollsten und schönsten sind.

Das Erfreuliche für Martin: Die Seppn-Pass ist nicht die einzige, die sich auf die Ursprünge des Brauchtums besinnt. Nach und nach gibt es weitere Passen, die auf die aufwändigen Gewänder verzichten und wieder von Haus zu Haus gehen. Der „Tattoo Paul“ mit seiner „Köglhörndl-Pass“ kommt beispielsweise zu Fuß aus Niederbreitenbach nach Mariastein, um im Pilgerhof zu läuten, zu trommeln und das Horn zu blasen. Sie ist nicht so spektakulär wie beispielsweise die „Fok'npass“, dafür authentisch, und wenn der Pilgerhof in Nebel gehüllt ist, grausige Schatten an den Mauern tanzen und der Turm das Geläute und Getrommel zurückwirft, dann läuft einem schon mal ein Schauer über den Rücken …

© Barbara Moser
© Barbara Moser
© Barbara Moser
© Barbara Moser

Quelle: Dr. Gunter Bakay, Volkskundler aus Innsbruck, Auszug aus dem Buch „Barbara Moser: „Peaschtl laffn in Breitenbach“

Doris Martinz

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