Die schwungvolle Welt der Lisa-Marie

... und ein realistisch gelebter Traum.

Ich lernte die kleine Lisa-Marie Fuchs mit meinem Freund Reini Küblwirth beim Einkehren in der „Loipenstub’n“ in Brixen kennen, dem Hotel und Gasthof der Familie Fuchs. Über die Jahre sahen wir sie dort aufwachsen und erfuhren schließlich, dass sie Skirennen fährt. Letzten Winter kamen wir zu einem Rennen am Kirchberger Gaisberg. Tags zuvor wurde sie hier Tiroler Schülerskimeisterin im Riesentorlauf, nun zieht die 15-jährige beim Slalom elegant ihre Schwünge herunter. Doch sie düst zu schnell in die „Haarnadel“-Kombination und scheidet aus. Up and down im Leben einer Nachwuchsläuferin.

Ein Traum vom Skistar

Der Traum vom Skistar ...
Der Traum vom Skistar ...

Österreichs Skistars sind Nationalhelden. Mit Marcel Hirscher, Anna Veith & Co. jubeln und leiden wir mit. Den oft steinigen Weg, den auch sie von klein auf hinter sich haben, kriegen wir kaum mit. Mit Lisa werfen wir nun einen Blick in die Welt jener unzähligen, jungen Talente, die ein einziger Traum verbindet: Eines Tages Skistar sein. Wie gering die Wahrscheinlichkeit ist, das zu schaffen, kann man nur erahnen. Und auch Lisa ist sich voll bewusst, dass ihr gelebter Traum vielleicht einmal nur eine Hoffnung bleibt. „Es is no so a weiter Weg“, sagt sie. „Und die Chance ist so gering, vielleicht 50:50, dass das Skifahren ein Beruf wird“. Und so soll dies auch keine Story über einen Jungstar sein, sondern über ein Mädel, das über ihre Möglichkeiten ganz realistisch denkt, das sich aber auch nicht davon abhalten lässt, das zu tun, was ihr einfach am meisten Freude bereitet.
Lisa wird am 18.12.2001 geboren, „Im Winter! Vielleicht kimmt es daher, dass i so gern Skifahren tua“, erzählt sie. „I ku mi nur an Winterg’schichten aus der Kindheit erinnern, selten was vom Sommer“. Kurz vor ihrem dritten Geburtstag wird der Knirps von Mama Martina erstmals auf Bretteln gestellt. „Sie hat die ersten Schwünge mit mir g’macht“. Mit drei darf Lisa schon in den Skikurs der „Skischule Aktiv“. „Da war i in der Früh die Erste, die mit die Skilehrer aufi is, und die Letzte, die um fünfe wieder owag’fahren is“, jeden Tag, bei jedem Wetter. „Weil’s mir so taugt hat!“ Dabei war sie aber nie fanatisch, erzählt ihr Papa Josef alias „Joe“, und er ist immer noch beeindruckt, wie selbstständig Lisa damals schon war.

Den Großen Vollgas hinten nach

Im Skiclub Brixen darf Lisa ausnahmsweise schon ab fünf Jahren an Rennen teilnehmen. „Die Größeren waren alle schnell und i Vollgas hinten nach!“ Bald schleppt der Jungspund erste Pokale heim. Scheidet sie aus, „Da hab i mal a bissl g’sponnen auf mi selber“, erinnert sie sich. Doch Fehler und einen Ausfall konnte Lisa immer schon recht gut wegstecken. Mit sieben startet sie erstmals bei einem Bezirkscup-Rennen und weiß heute noch, welcher Fehler ihr damals unterlief.

Danach gewinnt sie oft und kann teils mit Läuferinnen mithalten, die zwei bis drei Jahre älter sind. So spricht sich bald herum: „Die Fuchs hat wieder mal g’wonnen!“ Lisa genießt es – „Und natürlich haben mi die Siege angespornt, weiterzutrainieren“. Sie profitiert dabei von ihren ersten Trainern, von Stefan Hollaus z.B., der mit ihr etwa an ihrem Innenski-Fehler arbeitet. Ihre Eltern sagen ihr von Anfang an: „Wir unterstützen dich, egal was du tust!“ Durch Lisas Erfolge befassen sie sich zunehmend mit dem Skirennfahren und beginnen, ihre Skier immer renntauglicher zu präparieren.

Zu Lisas Idolen zählen von klein auf Ted Ligety, Marcel Hirscher und nun Mikaela Shiffrin. Lisa träumt davon, auch mal ein Weltcuprennen zu gewinnen. „Ja, sicher!“, sagt sie. „I hab des immer als großes Ziel vor Augen“. Immerhin hat sie ja bisher schon etwa 200 Pokale eingeheimst, Auszeichnungen vom tirol- und österreichweiten Landescup etwa. Lisa steckt sich stets Teilziele, während sie auf ihr großes Ziel hinarbeitet. „Man darf a nit zu klein denken“. Ihren Eltern ist die Schule natürlich auch wichtig, doch die hat Lisa ohnehin im Griff, weil sie sich beim Lernen so leicht tut. Als die Entscheidung ansteht, welchen schulischen Weg die damals Neunjährige gehen soll, sagt sie: „Es gäb im Oberland eine Schule, wo i viel Skifahren ku“ – die Skimittelschule Neustift, die etwa auch der Fieberbrunner Shootingstar Manuel Feller absolvierte. Nach zwei Besuchen hören die Eltern von Lisa: „Mama, Papa, i will des unbedingt toa! Bitte derf i?!“ Der Wunsch wird erfüllt, und nach der bestandenen Aufnahmeprüfung ist ihre Freude unermesslich.

"Es is no a weiter Weg!"

Lisa weiß: Das ist nun ihr Weg

„Eigentlich hab i gar nit g’wisst, was auf mi zuakommt“, erinnert sich Lisa. Am ersten Schultag kennt ja kaum einer den andern. „Die erste Nacht war ganz komisch, amoi ohne Eltern, weit weg von dahoam“. Doch Lisa weiß: Das ist nun ihr Weg. Es fällt ihr leicht, schnell Freunde zu finden, doch sie muss auch lernen, noch mehr Selbstständigkeit und Selbstverantwortung zu entwickeln. Mit Heimweh hat Lisa kein Problem. Angeblich. Sie fühlt sich in Neustift schnell wohl mit allen und allem, hat auch mit Lehrern und Erziehern keine Probleme. Hecken sie mal was aus, „I bin immer dabei, aber mich dawischt man nie!“ Wollen sie etwa am Sonntag spätabends heimlich zu zehnt im Fernsehraum schlafen oder die Buben verbotenerweise im Pyjama in deren Zimmern aufsuchen, da heißt es, nicht die Tücken einer Rennpiste zu überlisten, sondern die Wachsamkeit der Erzieher.

Doch im Fokus steht das Skifahren. In der Skimittelschule wird mit den Schülern sehr individuell gearbeitet. Dabei wird für Lisa ein Satz des Konditionstrainers prägend: „Eine gewisse Trainingshärte musst du haben!“ – speziell wenn einem was wehtut. „Wenn es dir beim Hanteltraining schon die Blasen aufzieht, des is nit fein. Aber i bin koane, die glei umasumst“, sagt Lisa. An Verletzungen denkt man nicht wirklich. „Dass was passieren ku, is immer im Hinterkopf“, sagt sie. „Aber wennst g’winnen willst, musst kämpfen und riskieren“.

Up and down

Freilich muss man beim Skirennfahren auch schon im jungen Alter Rückschläge und Selbstzweifel durchtauchen. „Das erste Jahr in Neustift war nit einfach“. Weil man dort viel Wert auf saubere Technik legt, wird die erst einmal komplett umgestellt. „Da bist dann nimmer so sicher auf dem Ski“. So landet Lisa bei den Landescups nur auf Rängen um die 20, auch weil es hier größere Konkurrenz als noch beim Bezirkscup gibt. „Da hab i amoi ziemlich a Watsch’n kriegt. Aber die motiviert mich, dass ich schnell wieder ganz vichi will“. So trainiert sie umso härter. „I sag nie: I will aufgeben“. Wenn alle andern aufhören, meint sie: „I will bitte nochmal fahren!“ Lisa-Marie Fuchs möchte immer nur eins: „Besser werden wie die anderen!“ So kommt sie gegen Saisonende bereits öfter wieder unter die Top Ten. Im zweiten Jahr erobert die Brixnerin erneut Stockerlplätze, auch wenn sie oft ausfällt. Up and down. Doch schließlich wird Lisa in den Schülerkader des Tiroler Skiverbandes aufgenommen und darf erstmals bei einem österreichweiten ÖSV-Testrennen teilnehmen. Die Chance, entdeckt zu werden, steigt, „Aber wenn i mir denk, i muss deswegen guat fahren, dann lieg i wahrscheinlich scho beim dritten Tor.“ Da muss sie „nur“ auf eine saubere Fahrt achten. Kniffelig!

Im Starthaus ist Lisa wie ein Rennpferd, das endlich aus der Box will. „Da bin i scho nervös und will jetzt unbedingt fahren“, und denkt sich: „Endlich! Jetzt derf i glei! Und dann will i g’scheit fahren und oafach a Gaudi haben“. In der dritten Klasse in Neustift startet sie erstmals bei der Österreichischen Schülermeisterschaft in Vorarlberg. Im Slalom liegt die Tirolerin nach Durchgang eins auf Rang drei. Als sie im zweiten Lauf starten will, „Da stoppt mi der Startrichter und fragt, ob i nit no die Skischuh zuatoa will?“, lacht die Brixnerin. „I war so in einer anderen Welt“. Lisa wird Dritte. „Wie ich dann den Papa im Ziel umarmt hab, war i so glücklich!“ Da fällt eine solche Last von ihren Schultern, „Und dann woaßt: Für das hab i das ganze Jahr trainiert!“

Total fertig mit der Welt

Am Ende des vierten Jahres reißt der Faden erneut. Das Sommertraining läuft noch ganz gut. Und im November geht’s für drei Wochen in die USA, nach Vail. „Drüben, i bin g’fahren, g’fahren und g’fahren, und es is oafach nit gangen“. Sie tüfteln am Material und an allem Möglichen. Vergebens. „I war verzweifelt!“ Die Kollegin, die Lisa zuvor stets besiegt hatte, nimmt ihr plötzlich sechs Sekunden ab! Eine Ewigkeit. „I bin total fertig g’wesen mit der Welt!“, auch weil sie nicht weiß, woran es liegt. Der Trainer rät ihr: „Ja den Kopf nit hängen lassen! Des geht scho weiter!“ Zurück in Tirol stellen sie noch einmal ein wenig beim Material um, und: „Wie wenn ein Schalter umgelegt worden wär, ab dem Jänner ist es wieder ’gangen“. Udo Jürgens sang: „Wer nie verliert, hat den Sieg nicht verdient“. Lisa sieht das so: „Es geht a drum, dass das Gute über dem liegt, was nit guat is. Sonst musst du dir schon überlegen, ob das Ganze überhaupt noch einen Sinn hat“.

Im Skigymnasium Stams

Nach vier Jahren Neustift steigt Lisa ins Skigymnasium Stams um. Sportlich und schulisch ändert sich erneut alles. „Dauert a bissl, bis du wieder im Kreislauf drin bist“. Doch Lisa passt sich schnell an. „I bin a relativ offener Mensch“, lebensfroh, unterländlerisch. „I schau mir die Leut erst einmal an“. Und bald stellt man oft erstaunt fest: Die Lisa ist ja überhaupt nicht schüchtern. Mit „Hallo!“ grüßt sie am Gang, und nach zwei Wochen wissen schon einige: „Ah, des is die vom Unterland, die immer grüßt!“ So zieht ihre erfrischende Art einige KollegInnen schnell an. „I hab’s halt amoi lustig!“ Traurig wird’s jedoch, als Lisas geliebte Uroma „Wetti“ stirbt, die ihre Urenkelin gern von der Skipiste in ihr Haus lockte, um ihr was Gutes zu kochen. 2016 konnte Lisa sie noch im Seniorenheim besuchen, sie spazierten ein wenig und aßen zusammen. Im November drauf kam die Nachricht ihres Todes. „Das Begräbnis war volle traurig. Alle ham g’weint“. Lisa trägt das Kreuz zum Grab. Doch sie nimmt die Uroma weiter freudig mit. „Sie war oafach so ein netter, ruhiger Mensch“. Außer beim Kartenspielen, da konnte sie impulsiv sein, so wie Lisa auf Skiern.

Jeder Traum hat seinen Preis

Der intensive Alltag in der Star-Schmiede Stams lässt Lisa nicht viel Zeit zum Trauern. Tagwache ist um sechs. “Im Winterbeginn gehen wir danach zwei-, dreimal die Woche Skifahren“. Mit Bussen geht’s zum Skigebiet, wo in Trainingsgruppen Kurs gefahren wird. Zu Mittag zurück ins Internat zum Essen, eine Mittagspause ist selten drin. „Dann fünf, sechs Stunden Schulunterricht“, bis 18 oder 19 Uhr. „Nach dem Skifahren is es oft echt schwer, dich in der Schul zu konzentrieren. I bin scho a diam am Schreibtisch eingeschlafen“. Lisas Lieblingsfach ist „Sportkunde“, klar. Nach dem Abendessen eine kleine Verdauungspause, aber „dann nochmal eineinhalb Stunden Studium, Hausübung machen, bis halb zehn“. Und frühmorgens läutet der Wecker wieder um sechs! „Is echt anstrengend. Brutal“. Jeder Traum hat seinen Preis!

Andere sind im Schwimmbad und gehen aus

Zum Abschalten hört Lisa gern Musik. „Vor dem Training ku scho mal AC/DC laf’n“, dann heizt „Highway to hell“ sie so richtig an. „I tua a volle gern lesen“, Sportler-Biografien, Krimis oder Liebesromane. „A diam a Schnulzen zwischendrin“, auch als Film, z.B. einer mit Mädchenschwarm Zac Efron. „Echte“ Burschen interessieren die 15-Jährige freilich auch. „Aber i hab koan Freund. Is nit so oafach, a weil i so selten dahoam bin“. In Stams wird auch samstags unterrichtet, bis sie in Brixen ist, bleibt nicht viel vom Wochenende. Die Freundinnen erzählen ihr vom Schwimmen, Ausgehen, Festivaltrips, etc. „Ma verzichtet auf viel. Aber du musst dich oafach entscheiden, was dir wichtiger ist“. Im Sommer hat Lisa etwas mehr Zeit, doch auch da schweifen die Gedanken ab: „Da denk i dran, dass i die Erfolge vom Winter ja auch dem vielen Sommertraining zu verdanken hab“. Schon Anfang Juli fahren sie wieder Ski, trainieren auch in Südtirol und in der Schweiz.

Immer am Boden bleiben

Bei all den Überwindungen denkt Lisa auch immer an die Entbehrungen ihrer Eltern. „Was die alles an Zeit dafür opfern, dass i des toa ku, und wieviel des a kostet …“ Deshalb hilft Lisa auch gern in den beiden Familienbetrieben mit. „Des is das Mindeste, was i für Mama und Papa toa ku“. Nun stehen noch vier Schuljahre an, und sollte es mit der Skikarriere nicht klappen, würde Lisa nach der Matura ein Sportstudium reizen. Oder aber später mal die „Loipenstub’n“ übernehmen. „Und a Familie haben“, denn sie ist ein totaler Familienmensch. Noch aber ist der Sport, der bisher schon annähernd ihr ganzes Leben bestimmt hat, das Wichtigste. Die Eltern versuchen dabei immer wieder, Druck von Lisas Schultern zu nehmen, ihre sportlichen Erfolge zwar zu schätzen, sie aber nicht überzubewerten. „A Euphorie is wichtig, wenn’s guat laft“, sagt Joe, „Aber hoit oiwei auf dem Boden bleiben“. Das Wesentliche ist, gesund zu bleiben. Auch wenn für Lisa nun der FIS-Bereich wartet - wie es ausgeht, weiß man nicht. „Ma muass a sehen, wie viele scho das Handtuch g’worfen haben“, sagt Joe. Aber die „Füchse“ brauchen sich später mal nicht vorzuwerfen, es nicht zumindest versucht zu haben.

Sich einen schiachen Tag immer schön machen

Familie Fuchs: Mama Martina, Bruder Johannes, Papa „Joe“ und Lisa.
Familie Fuchs: Mama Martina, Bruder Johannes, Papa „Joe“ und Lisa.

In den Fußstapfen Lisas besucht auch ihr elfjähriger Bruder Johannes schon die erste Klasse in Neustift. Ihn plagt manchmal das Heimweh. Und da fällt Joe ein, dass Lisa ihm vor einiger Zeit gestand, dass auch sie manchmal starkes Heimweh hatte, sie aber nichts sagte, um ihre Eltern nicht zu belasten. „I muass halt drauf schauen, dass es den anderen a guat geht“, sagt Lisa. Das ist beeindruckend und beschreibt ihren Charakter recht gut. In Brixen fährt sie gern frühmorgens mit Mama, die oben das Panoramarestaurant „Choralpe“ betreibt, mit der Skiweltbahn hoch und zieht oft noch ganz allein ihre Schwünge über die Kandleralm-Abfahrt hinunter. „Das lieb i oafach, wenn die Sonn so schön flach einascheint“. Die Sonne scheint auch aus Lisa herauszustrahlen. „Ja, es gibt ganz selten einen schlechten Tag bei mir“ sagt sie. „Und wenn ein Tag amoi schiach is, i mach ihn mir oiwei schön!“ – eine tolle Anregung für uns alle, nicht wahr? Schwungvoll-fröhlich in die Welt! So wie Lisa-Marie!

Eduard Ehrlich

Eduard Ehrlich

"G'schichtlschupfer", Drehbuchautor, Mit-Herausgeber und Autor des Printmagazins 'Bei ins dahoam‘. Mehr Details

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Aad Buurman

Antworten

Goed geschreven en lisa komt uit een goed nest.

Saskia Dirmaier

Antworten

A traum Bericht. Lisa Marie i sig die Schneeflocken auf deine zukünftigen Pokale. Lg a Schilehrern

Elisabeth Riedmann

Antworten

Lisa gratuliere die für deine tolle Einstellung zum Rennfahren, ist nicht immer leicht aber du meisterst es schon.viel Glück

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