Die Biathlon-Rennmaschinen Landertinger und Hauser

Nicht mehr lange, bis zur Biathlon-WM in Hochfilzen. Die Spannung liegt schon in der Luft, das Kribbeln ist greifbar. Athleten aus aller Welt bereiten sich auf das Großereignis vor, wollen an den entscheidenden Wettkampftagen mit ihren Leistungen am Punkt sein. Was alle wollen, wollen auch unsere heimischen Lokal-Matadore Lisa Hauser und Dominik Landertinger. Ich habe sie im Sommer besucht.

Kitzbüheler Alpen - PillerseeTal - Bei ins dahoam - Dominik Landertinger und Lisa Hauser (2)
Früh übt sich - Lisa in jungen Jahren

An eine sportliche Karriere dachte anfangs niemand!
Lisa Hauser lädt mich zu sich nach Hause in Reith ein.
Angefangen hat bei Lisa alles ganz locker und spielerisch. Sport und Bewegung haben im Elternhaus immer schon eine große Rolle gespielt, aber eine sportliche Karriere? Daran denkt niemand. Lisa ist schon von klein an Mitglied im Sportclub Reith und läuft hier ihre ersten Langlaufrunden. Als Supertalent wird sie nicht gehandelt: „I håb då bis zu zwei, drei Minuten Rückstånd auf die Besten g’habt, owa des håt mi nit g’stört.“ Sie holt auf und wechselt mit 10 Jahren zum Skiclub Kitzbühel, weil es hier bessere Trainingsbedingungen gibt.
Mit 14 wechselt sie ins Schigymnasium nach Saalfelden, wo sie vom Langlauf zum Biathlon kommt. Hier sind Freude und Spaß mit den KollegInnen die besten Motivatoren. Lisas Leistungskurve weist kontinuierlich nach oben. Im Nachwuchsbereich holt sie bei Weltmeisterschaften und Europameisterschaften 9 Medaillen in Silber und Bronze. Gemeinsam mit Simon Eder holt sie in Kanada beim Single Mix Weltcuprennen den dritten Platz. Und im Weltcup ist die 22jährige immer vorne dabei.

Kitzbüheler Alpen - PillerseeTal - Bei ins dahoam - Dominik Landertinger und Lisa Hauser
Der junge Dominik Landertinger wächst auf der Alm auf. (Privates Foto)

Der „Wiaschts-Bua“ gibt Gas
Bei Dominik läuft es ähnlich. Obwohl er nicht unbedingt aus einer sportlichen Familie stammt. Er wird 1988 in Braunau am Inn geboren, die Eltern sind im Gastgewerbe tätig. Als Dominik 4 Jahre alt ist, zieht die Familie nach Tirol, zuerst nach Söll, bevor die Eltern in Fieberbrunn einen Alpengasthof übernehmen. So wächst Dominik auf der Alm auf. Sportlich wird der „Wiaschts-Bua“ da von ganz alleine. Er spielt gerne Fußball und fährt Schi. Und Langlauf? Ja, warum nicht, zur Abwechslung mal ... Die Schule ist für Dominik ein notwendiges Übel. Um es sich leichter zu machen, geht er in die Schihauptschule in Saalfelden und meldet sich dort als Langläufer an. Das fällt ihm mehr oder weniger spontan ein. Sein Nachbar und späterer erster Trainer, Peter Maier, ist Biathlet und überzeugt den jungen Langläufer, sich doch auch einmal am Schießstand zu versuchen. „Schon im ersten Jåhr håb i mi dånn in den Sport verliebt,“ sagt Dominik.
Mit 19 Jahren startet Dominik zum ersten Mal bei einem Weltcuprennen – weil jemand anderer ausfällt. Er landet am 18. Platz. Beim zweiten Rennen ist es schon der 12. Platz, und beim dritten Rennen, einer Staffel, landet das Team am Stockerl. Wahnsinn! Dieser schnelle Erfolg kommt für alle unerwartet, auch für Dominik selbst. Doch es sollte noch besser kommen: Mit 20 läuft und schießt sich der junge Hochfilzener in Korea zum Weltmeistertitel. Ein Jahr später dann Silber bei der Olympiade. „Landi“ ist der neue Held der Biathlon-Szene.

Kitzbüheler Alpen - PillerseeTal - Bei ins dahoam - Dominik Landertinger und Lisa Hauser (1) ®mia_mariaknoll© Mia Knoll
Dominik - bis zu 6 Std. Ausdauertraining pro Tag

Der Körper als Maschine
Das ist bei Dominik der springende Punkt. Nach dem Hoch kommt ein Tief. Beim Weltcupauftakt in Östersund fängt er sich 2010 einen Magen-Darm-Virus ein. Beim Rennen ist er nicht fit, aber aufgeben – geht gar nicht. „I laf a Rennen fertig, auf Biegen und Brechen.“ Auch wenn du tot umfällst?, frage ich schüchtern nach. „Ja,“ sagt Dominik, und er lacht nicht. „Aber beim Rennen wår i zum Glück nit tot.“ Tot nicht, aber der heute 28jährige geht damals so an sein Limit und darüber, dass er einen Schwächeanfall erleidet und sich während des Rennens in den Schnee setzen muss. Es braucht eineinhalb Jahre, bis er wieder ganz fit wird. . Im Prinzip weiß nur der Athlet selbst, wie die „Maschine Körper“ drauf ist und was möglich ist. Das erfordert ein ständiges Aufsichaufpassen, ein immerwährendes Insichhineinhören.
Damit kennt sich Dominik inzwischen bestens aus. Am schwierigsten sind die Rennen, also die intensivsten Einheiten. „Då darf di koa Falscher anhusten“, sagt Dominik. Bei Großveranstaltungen gibt er niemandem mehr die Hand, Menschenmassen werden gemieden.

Kitzbüheler Alpen - PillerseeTal - Bei ins dahoam - Dominik Landertinger und Lisa Hauser (1) ®mia_mariaknoll
Lisa und Dominik beim gemeinsamen Training

Das machen alle so, auch Lisa. Sie will in der Rennsaison mit keinem zu tun haben, der hustet oder irgendwie krank aussieht. Und sie wäscht sich gefühlte 1000 Mal täglich die Hände, um den Keimen nur ja keine Chance zu geben. Eine Infektion können sich Spitzenathleten in solchen Phasen nicht leisten, da hängt einfach zu viel dran. Monatelanges Training kann umsonst sein, wenn beim Start der Hals kratzt und die Leistung nicht zu 100% da ist. Wenn bei Lisa daheim der Papa „nicht gut beinand“ ist, muss er Abstand halten und eben oben in der Galerie essen, damit er Lisa ja nicht ansteckt. Klingt alles ein wenig hysterisch – aber das ist Spitzensport.
Und wenn euch eine unserer Rennmaschinen mal nicht die Hand zum Gruße reicht: Nicht persönlich nehmen, …

Kitzbüheler Alpen - PillerseeTal - Bei ins dahoam - Dominik Landertinger und Lisa Hauser (c) smpr
Dominik beim Weltcup 2015 in Hochfilzen

Warum Biathlon?
Was ist eigentlich für die beiden die Faszination am Biathlon, was hält sie bei der Stange? Genau das, was auch uns Zuschauer am meisten beeindruckt: Dass die Biathleten laufen und dazwischen auch noch schießen und treffen müssen. Wie kann das eigentlich funktionieren? Natürlich ist alles Trainingssache, und es gibt Atemtechniken, und ein bisschen Glück gehört auch dazu. Denn: „Aus an Schuss kust koa Matura måch’n“ meint Dominik. Will heißen: Der Schuss beim Biathlon ist Reaktionsschießen. Man hält, schießt. Und hofft, dass es passt. Sobald man zu lange zielt, fängt man an zu wackeln.

Kitzbüheler Alpen - PillerseeTal - Bei ins dahoam - Dominik Landertinger und Lisa Hauser (c) smpr
Dominik gibt alles

Dominiks schönster Sieg
Obwohl das Schießen das Spannende ist, würde Dominik gerne einmal an einem Langlaufrennen teilnehmen, das steht auf seiner Ziele-Liste aber weiter unten. Ganz oben steht der Gewinn des Biathlon Weltcups. Eine große Aufgabe. Aber bekanntlich wächst man ja mit den Aufgaben. Mit seinen 28 Jahren hat er ja noch ein paar Jahre Zeit. Der Sieg im Gesamtweltcup wäre ein ganz wichtiger, die Krone seiner Karriere. Aber eine Medaille wird für immer seine wichtigste sein: die WM-Silbermedaille, die er heuer in Oslo gewann. Dominik hat sie seiner Mutter gewidmet. Sie ist im November letzten Jahres an Krebs gestorben. Dominik und seine Mutter verband immer ein starkes Band. Ihr Tod hat für ihn vieles relativiert. „Då frågst di dånn scho, interessiert mi des ois wirklich noch? Wås is wirklich wichtig im Leben? Ob’st erster, zweiter, dreißigster oder sechzigster wirst, is doch eigentlich egal.“ Die Vorbereitung für die Saison waren schwierig, die Situation „håt extrem viel Energie g’fressen.“
Und doch schaffte es Dominik, sich zu fokussieren und zum Vizeweltmeister zu machen. Auch, weil er der Mutter versprach, immer weiter zu kämpfen. Sie war bei den Rennen so oft an seiner Seite, jetzt gewann er die Silbermedaille nur für sie. „Emotional ist des für mi der mit Abstand schenste Erfolg.“

20151212 Verfolgung Herren Weltcup Biathlon Hochfilzen (601)
Lisa beim Weltcup in Hochfilzen

8.-19.2.2017 IBU Weltmeisterschaften Biathlon presented by BMW
Die Heim-WM ist für beide natürlich der Höhepunkt der kommenden Saison. Sie freuen sich drauf. Sie wissen aber auch, dass, wenn eine Spitzenleistung rausschauen soll, alles passen muss: die Tagesverfassung, der Schi, der Schnee, die Verhältnisse beim Schießstand, die Konkurrenz … sie werden alles geben. 100 %. Nein, mehr als das. „Die Energie, die die Fans an der Strecke ausstrahlen, die gibt an solchen Adrenalinstoß, da geht ma übers Limit und holt sich vielleicht de oane Sekunde, des is a brutaler Kick,“ formuliert es der Hochfilzener.
Der Sport macht Lisa und Dominik glücklich! Wenn sie vor der jubelnden Menge ihr Allerletztes geben und sie die Fans mit ihrer Energie und Euphorie ins Ziel tragen, wo sie auf die Knie fallen, völlig ausgepumpt, aber trunken vor Glück. Das sind Momente für die Ewigkeit im Leben eines Spitzensportlers.

TEXT: Doris Martinz / FOTOS: Mia Knoll, Mara Leitinger, smpr.at/Berni Fleckl, OK Hochfilzen/C. Einecke
ERSCHEINUNGSDATUM: November 2016

Doris Martinz

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