Ziemlich beste Kollegen - Tina Hötzendorfer

... oder vom Glück eines gar nicht mal so faden Paares.

Tina und ihr Freund David (c) Paul Dahan
Tina und ihr Freund David (c) Paul Dahan

Die französische Filmkomödie „Ziemlich beste Freunde“ erzählt von der Freundschaft zwischen dem im Rollstuhl sitzenden Philippe und seinem dunkelhäutigen Pflegehelfer Driss. Hier ist die Geschichte der ebenso querschnittgelähmten St. Johanner Malerin Tina Hötzendorfer und dem einstigen Zivildiener David.

Nach einer schweren Operation kommt Tina 2013 in das Rehabilitationszentrum Bad Häring. „Wie sie mit dem Bett ins Zimmer einigführt worden ist, hab i ma denkt: Des is a Gschtia-schte“. David, der mich an den jungen Toni Sailer erinnert, ist da gerade mal 19, und erfährt erst nach einiger Zeit, dass Tina schon 26 ist. Mit ihrer leisen, zurückhaltenden Stimme erzählt sie: „Du hast von den Pflegern a Kunstblume geklaut und mir auf mein Frühstück g’legt“. „Ja“, lacht er, „I hab unsere Dekoration abgebaut“. Ein anderes Mal legt er ihr einen Schmetterling aufs Tablett.

Tina war nach der OP nicht auf Flirtmodus gestellt

„Ja, ich war schon interessiert an ihr“. David ist auch oft bei den Arztvisiten dabei, um zu erfahren, wie es Tina geht. „Aber ich war nach der OP nicht unbedingt auf Flirtmodus gestellt“, sagt sie. Seit fünf Jahren hat das auffällig hübsche Mädchen keinen Burschen mehr näher kennengelernt. „Sicher hätt’ ich mir eine Beziehung gewünscht, aber Männer tun sich schwer, auf eine Frau im Rollstuhl zuzugehen – und dass sie die Frau sehen, und nit den Rollstuhl“. David ist ein verdammt fescher Bursch. „Ich hab beim Ausgehen nie Probleme mit den Dirndln g’habt“. Allerdings, er war noch nie wirklich auf der Suche nach einer fixen Freundin. Vorerst auch bei Tina nicht. „Tina und i waren drei Monate lang nur Kollegen“. Was man in St. Johann einen „Freund“ nennt, ist in Bad Häring ein „Kolleg“, erklärt Tina. Da trafen sie sich zu Dates. „Und wenn sie wieder mal eine Stunde mit den Haaren gekämpft hat, bis sie gepasst haben, ist sie dementsprechend zu spät gekommen“. Sie lachen auf. Längst weiß David, warum sie im Rollstuhl sitzt. Es war der 3. Februar 2008. Tina surft am Snowboard bergab, stürzt, und weiß sofort, dass was Schlimmes passiert ist. Sie ist von einer Sekunde auf die andere von den Schultern abwärts gelähmt. Im Alter von 21 Jahren.

Ein Urlaubsbild von Tina
Ein Urlaubsbild von Tina

Als Kind war Tina ein kleiner Abenteurer, liebte die Natur, später das Reisen. Sie besuchte die Tourismusschule in St. Johann, plante den Weg der Eltern, liebte wie sie das Kochen und kellnerte in ihrem Restaurant ,‚Villa Masianco“ in St. Johann. Es zieht sie nach Indien und Nepal. Dort inspirieren sie buddhistische Tempel und Weisheiten – wie man das Leben sehen und leben soll. Sie sieht, mit wie wenig die Menschen dort glücklich sein können. Und das wird ihr helfen, ihren Schicksalsschlag auf beispiellose Weise zu bewältigen.

Lebe. Liebe. Lache!

„Lebe – liebe – lache“, ist so ein Spruch, der Tina geprägt hat. „Man soll jeden Moment leben, jeden Tag lachen und ohne Bedingung lieben. Einfach reduzieren und negative Gedanken ablegen. „Wenn man ständig denkt ‚Das ist jetzt alles Scheiße, i ku nix mehr toa‘, dann wird man sicher nie glücklich“. Tina hatte natürlich auch ihre schlechten Tage. „Da hab ich voll rean müssen. Aber nur kurz!“ sagt sie. „Man muss zulassen, dass es einem auch mal nit gut geht“.

Wie gut das funktioniert, ist erstaunlich: „Eigentlich hab ich mich mit meiner Querschnittlähmung von Anfang an gut zurecht gefunden. Wie meine Eltern und meine Freundin mich am ersten Tag besucht haben, hab ich auf der Intensivstation gelacht, und keiner hat verstanden, warum“. Tina will gleich zeigen, dass es weitergeht. „Es war für meine Lieben schlimmer als für mich, weil die haben das alles mitanschauen müssen und haben nix toa können“. Tina glaubt an Vorbestimmung im Leben, etwa weil man manchmal Menschen zu einem Zeitpunkt kennenlernt, „wo’s perfekt passt“. – David! Erst als sie sich nach Tinas Reha-Zeit privat treffen, geht’s los. „Beim ersten Kuss hat’s gschnaggelt“, lächelt Tina. „Dann hat er decht eing’sehn, dass das eine Beziehung sein kunt“. David nickt: „Ja, hat seine Vorzüge. Zum Beispiel, dass es dann immer was Guats zum Essen gibt“. Die beiden haben Vertrauen zueinander entwickelt. Wenn David andere Paare in seinem Alter sieht, denkt er: „Viele sind nicht so ein Team wie wir“. Was für sie selbstverständlich ist – Tina im Rollstuhl, verunsichert andere oft. Doch wer Tina kennenlernt, reagiert schnell positiv. „Meine Eltern haben glei a Gaudi g’habt mit ihr“.

Im Alltag kommt Tina gut zurecht, braucht nur bei gewissen Dingen Unterstützung. „Wir haben gar keine Einschränkungen“, sagt sie. Sogar Modeln kann sie, flog etwa für ein Fotoshooting nach Bielefeld. Wenn David von seiner Arbeit als Versicherungskaufmann oder vom Fitnesstraining heimkommt, und Tina acht Stunden an der Staffelei gemalt hat, dann essen sie gern gemeinsam, sind begeisterte Couch-Potatoes und schauen gern fern.

Lebe. Liebe. Lache! (c) Paul Dahan

Lebe. Liebe. Lache! (c) Paul Dahan

Tinas Bilder: positive Energie im Wohnzimmer

Zu Malen begann Tina nach ihrem Unfall in der Ergotherapie. Erst musste sie aber ihre Hände wieder steuern lernen. „I hab mi am Anfang gar nit bewegen können. Und es war ein langer, harter Prozess“. Dann der Impuls zu Malen. Tina probiert, wie man den Pinsel führt, Farbe aufträgt. Wieder Zuhause, malt sie der Oma einen Elefanten. „Da hab ich gedacht: He, das kann ich gut! Und jeder hat so eine Freud mit dem Bildl“. Sie hat etwas gefunden, was ihr Spaß macht, malt aus der Seele, gerne Acryl. Sie entwickelt ihren ganz eigenen, asiatisch angehauchten Stil, liebt das Farbenfrohe, Positive, oft inspiriert von einem Bild, das sie in der Natur sieht. Gern macht sie auch Kollagen, auf die sie Steinchen oder Kristalle klebt.

Das Schönste für sie ist, wenn die Leute mit ihren Bildern eine Freude haben. „Viele haben schon gesagt, dass sie ein Bild von mir im Wohnzimmer hängen haben, und dass das so eine positive Energie einibringt“. Ihr Lieblingsmotiv sind Elefanten. „In Indien war ich mit einem schwimmen. Das war a Schlüsselerlebnis“. Die Dickhäuter gelten dort als Glückssymbol, symbolisieren Familienzusammenhalt und Weisheit. „Mir g’fallt das einfach“.

Heute erzählt Tina ihre Geschichte oft frisch Verletzten im Rehazentrum. Und das macht ihnen Mut. Sie selbst benötigte mit ihrer positiven Einstellung in der Reha keine psychologische Betreuung. Doch sie hatte auch Glück. Mit der Familie und den Freunden hat alles wunderbar gepasst. Auch wenn sie einzelne Kumpel verloren hat. Dafür lernte sie auch tolle Menschen kennen. Wie David. Er wohnt inzwischen fast ganz bei ihr. Und dass sie ihn mit einer schönen Liebeszeremonie heiraten wird, wenn er ein bissl älter ist, das ist für Tina ein schöner Gedanke. „I lauf eam nimmer davon“. Ihren ersten Urlaub verbrachten sie auf Teneriffa, waren in Wien, Berlin, sogar in New York. Tinas Künstlerkollege Rudolph Pigneter organisierte dort eine Ausstellung, in der auch Tina ihre Kunst präsentieren durfte. Sie besichtigten im Big Apple per Taxi so viel sie konnten, genossen die zehn Tage. Überhaupt versuchen Tina und David, das Leben auszukosten. „Wir sind Genussmenschen“, sagt Tina. Riesenfreude hat sie auch mit ihrer „Rollin’ Art Gallery“, in der die tüchtige Geschäftsfrau drei Angestellte beschäftigt und neben ihren Bildern auch ihren handgemachten Schmuck präsentiert, Baby- und Kindermode, sowie Fairtrade Kunsthandwerk aus Indien. „Es ist eine Herausforderung“, sagt Tina, „Aber es macht Spaß“.

Ein Bild von Tina Hötzendorfer aus der "Rollin' Art Gallery"

Ein Bild von Tina Hötzendorfer aus der "Rollin' Art Gallery"

Sie machen sich oft einen Spass aus ihrer Situation

Eine Herzensangelegenheit ist ihr, „Wings for Life“ zu unterstützen, die Stiftung deren Ziel es ist, Querschnittslähmung zu heilen. Im Internet will sie Alltagstipps für Querschnittgelähmte geben, und sie möchte einen Ernährungsratgeber für Rollstuhlfahrer schreiben. Dass ihr nicht langweilig wird, „das hab ich von meinem Papa!“. „Wie in ‚Ziemlich beste Freunde‘ machen auch wir uns oft einen Spaß aus ihrer Situation“, sagt David. „A diam amoi vergisst er a, dass i einen Querschnitt hab“. Machen sie wie im Film auch mal was total Durchgeknalltes? Naja, auf Facebook haben sie Hollywoodstars synchronisiert, zu Fernsehserien führen sie mit ihren Händen einen Tanz auf, und gehen schon mal bis halb fünf in der Früh in die Disco. „Aber mir fallt echt nix total Verrücktes ein“, grübelt Tina, „Wir san ja echt ziemlich fad!“ Und sie will noch was Schräges aushecken, damit dies hier keine Langweilergeschichte wird.

Mit sich und seinem Leben im Reinen sein. Es ist eine Glücksgeschichte. David ist einer ihrer Glückstrüffel. An ihm liebt sie alles. Außer dass er gern Schubladen offen oder Teller am Tisch stehen lässt. „Aber er macht mi glücklich!“ Für Tina bedeutet Glück, „dass man mit sich, seinem Leben und seinem Umfeld im Reinen ist. Dass man das Kleine zu schätzen weiß, und zufrieden mit dem ist, was man hat – nicht ständig mehr und mehr und Besseres will. „I hab das erreicht, auch wenn es ein langer Prozess war. I hab gelernt, zu schätzen, was ich hab. Meine Gesundheit, meine Familie, meine Freunde. Vor dem Unfall war mir das gar nit so bewusst, weil alles so selbstverständlich ist“. War der Unfall ihr schlimmster Moment im Leben? „I glab, i hab den schlimmsten Moment no nie erlebt!“ Selten ist mir ein derart positives Denken begegnet, verbunden mit gesundem Optimismus. „Ma hört jede Woch’, dass irgendwo wieder oana mit Querschnitt gehen lernt. Und vielleicht daleb i des ja no!“ Tina, wir wünschen es dir und David von Herzen!

TEXT: EDUARD EHRLICH
FOTOS: PAUL DAHAN, PRIVAT
ERSCHEINUNGSDATUM: MAI 2015

Eduard Ehrlich

Eduard Ehrlich

"G'schichtlschupfer", Drehbuchautor, Mit-Herausgeber und Autor des Printmagazins 'Bei ins dahoam‘. Mehr Details

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