Feinstes Hirschleder aus St. Johann in Tirol

Eine Geschichte der Original St. Johanner Lederhose von Leder Ritsch.

Schon beim Betreten des Geschäfts in der Innsbrucker Straße steigt einem der angenehm-würzige Ledergeruch in die Nase. Silvia Ritsch kommt um die Ecke und hält einen exklusiven Schal aus Fell in der Hand. „Das ist eine Sonderanfertigung für eine Kundin“, erklärt die gebürtige Wienerin. „Unser Kerngeschäft ist das Gerben von Hirschleder, doch wir fertigen auch solche individuellen Stücke an“. Beim Durchsehen von einigen alten Bildern, gesellt sich Andreas Ritsch zu uns dazu. Er ist der Inhaber des Traditionsbetriebes und erzählt, dass es leider nur noch sehr wenige alte Fotos und Dokumente gibt. Das gesamte Archiv wurde durch das Hochwasser 2001 zerstört. Auch wenn es mit dem Bildmaterial nicht mehr besonders gut ausschaut, konnten wenigstens einige alte Geschichten und Episoden bewahrt werden.

Leder Ritsch

Die Firmengründung

Johann Ritsch stammte aus Südtirol und erlernte das uralte Lederhandwerk in St. Martin in Thurn, einem Ort im Pustertal. Als Geselle ging er auf die Walz und wollte eigentlich zu den Lederfabriken in Böhmen und Mähren. Auf seiner Reise kehrte er in St. Johann beim Bruckwirt ein und lernte den Gerbermeister Sebastian Tscholl kennen, der ihm eine Stelle anbot. Hans sagte zu und verzichtete auf eine weitere Wanderschaft.

Schon bald wurde er Werksmeister. Tscholl wusste die Tüchtigkeit seines Angestellten zu schätzen und bot ihm den Betrieb zum Kauf an. Doch die Ersparnisse reichten dafür nicht aus. Also ging Ritsch zu einem „geldigen“ St. Johanner, und fragte um einen Kredit an. Doch dieser hänselte den Südtiroler und sagte: „Was willst denn, du Hergelaufener, wer wird dir denn a Geld leihen?“ Bedrückt ging Hans nach Hause und erzählte seinem Nachbarn, wie es ihm gerade ergangen war. Der Nachbar glaubte an die Fähigkeiten des Gerbers und sagte zu ihm: „Hans, du bist a umtoand’s Mandl, i leih dir das Geld“. So kam es, dass der damals 35-Jährige den Betrieb von Tscholl kaufen konnte und im April 1873 die Gerberei Johann Ritsch gründete. Hans war fleißig und voller Tatendrang. Positiv auf seine Geschäfte wirkte sich auch der wirtschaftliche Aufschwung durch den Bau der Giselabahn aus. Etwa eineinhalb Jahre nach der Firmengründung heiratete Hans. Aus der Ehe stammten fünf Kinder. Drei Söhne erlernten ebenfalls das Lederhandwerk. Mit Hilfe ihr Vaters eröffneten sie um die Jahrhundertwende eigene Gerbereien. Thomas in Hopfgarten, Josef in Mittersill, und Michael, der Großvater des heutigen Inhabers Andreas, übernahm den Betrieb in St. Johann. Der alte Unternehmensgründer, der einen recht ansehnlichen Besitz erwerben konnte, hatte einen einfachen und wohl auch recht wirksamen Lebensgrundsatz, den die Nachkommen immer wieder zu hören bekamen: „Es ist besser, mehr zu sein, als zu scheinen“.

Die Nachfolger in der 2. und 3. Generation

Sowohl der Großvater als auch der Vater von Andreas Ritsch hießen Michael. Vom Großvater weiß der heutige Firmenbesitzer nicht besonders viel. „Er kam krank aus dem 1. Weltkrieg zurück und ist schon früh gestorben“, erzählt er. „Während des Krieges führte meine Großmutter den Betrieb. Mein Vater wurde 1912 geboren und war damals noch klein. Die Gerberei übernahm er schon in jungen Jahren, gleich nach seiner Lehre, und sobald er die Befähigung dazu hatte“.

Michael Ritsch war ein umtriebiger Mann. Er stellte vorwiegend pflanzlich gegerbtes Schuhleder aus verschiedensten Tierhäuten her und belieferte sämtliche Schuster. Das Geschäft lief bis in die 40er-Jahren recht gut. Nach dem 2. Weltkrieg kam die Industrialisierung, mit der der Gerber zu kämpfen hatte. Plötzlich gab es billig produziertes Leder und Schuhe aus anderen Ländern. Die Schuster wurden immer weniger und der Absatzmarkt war stark umkämpft. Michael Ritsch suchte nach einer anderen Nische und fand sie im Bekleidungs- und Dekorationsbereich. Er gerbte Schaffelle für den Wohnbereich und für Jacken, Ziegenleder für die Handschuhproduktion sowie verschiedene Jagdfelle zur Dekoration und konnte sich dadurch seinen Kundenstock sichern. In seiner Funktion als Innungsmeister von den Gerbern setzte er sich beim Unterrichtsministerium dafür ein, die Berufsschule für dieses Handwerk in Österreich zu halten und hat damit ermöglicht, dass die Gerber-Lehrlinge bis heute in die Berufsschule nach Wien gehen.

In den 70er-Jahren baute die Mutter von Andreas, eine sehr fleißige Frau, das Verkaufsgeschäft auf. Im Laden wurden nicht nur verschiedene Waren aus Leder und Pelzen verkauft, sondern die Familie spezialisierte sich auch auf die Herstellung von Schaffelljacken. Diese strapazierfähige und warme Oberbekleidung gibt es noch heute auf Maßanfertigung bei Leder Ritsch.

Leder Ritsch
Leder Ritsch
Leder Ritsch
Leder Ritsch

Der Gerbereibetrieb heute

Andreas Ritsch wurde 1958 geboren und ist das neunte und jüngste Kind der Familie. „Mein Vater war schon ein alter Herr, als ich zur Welt kam...“, erzählt er. In den Ferienzeiten halfen die Geschwister in der Gerberei mit. Der Vater arbeitete stets sehr exakt und genau und verlangte dies auch von seinen Kindern. Eigentlich hätte der älteste Bruder den Betrieb zu Hause übernehmen sollen, doch dieser gründete seine eigene Firma. Die anderen Geschwister hatten kein Interesse am Lederhandwerk, also kam der Jüngste schließlich zum Zug.

Andreas machte eine Lehre als Maschinenschlosser bei der Firma Kahlbacher in Kitzbühel. Diese Ausbildung war ihm später von Vorteil, weil er die Gerberei-Maschinen selbst warten und reparieren konnte. Nach der Lehrzeit besuchte er eine der besten europäischen Ledertechniker-Ausbildungsstätten im deutschen Reutlingen. Während dieser Zeit bearbeitete er einmal eine sehr außergewöhnliche Tierhaut – nämlich die eines Elefanten. Dieses Tier stammte aus einem Zoo, wurde präpariert und ausgestopft und kam schließlich wieder dorthin zurück. „Davon gibt es noch ein Foto“, erzählt er, „die Ohren waren so riesig, dass ich sitzend locker darauf Platz hatte“. Der frisch gebackene Ledertechniker und Gerbermeister blieb zunächst in Deutschland und arbeitete in einigen Lederfabriken. 1982 kam er nach St. Johann zurück, modernisierte und übernahm den elterlichen Betrieb. Er stellte komplett auf eine neue Produktionslinie um und spezialisierte sich auf die ökologische Sämischgerbung von Hirschleder. „Durch die Globalisierung ist man als Gerber einer großen Konkurrenz ausgesetzt, denn es gibt viele Lederwaren aus Billigländern“, erzählt der 57-Jährige. „Durch dieses Produktnische blieb der Betrieb wettbewerbsfähig und konnte weitergeführt werden“.

Die spezielle Sämischgerbung

Für diese umweltfreundliche Art der Gerbung wird die Hirschhaut roh angeliefert und in St. Johann veredelt. Bei der Sämischgerbung wird keine Chemie eingesetzt, sondern es handelt sich um eine biologische Fettgerbung mit Naturprodukten wie Kalk, Wasser, Fischöl und pflanzlichen Farbstoffen. Auf dieses nachhaltige Verfahren legt Familie Ritsch großen Wert. Das Material bleibt sehr hautfreundlich, atmungsaktiv, und Allergien können durch diese schonende Verarbeitungsmethode vermieden werden. „Eine Lederhose um hundert Euro kann nicht bio sein und wird wahrscheinlich in Bangladesch mit viel Chemie gegerbt“, erklärt Silvia Ritsch, die Ende der 1980er-Jahre als Mode-Directrice ins Lederunternehmen nach St. Johann kam. Den Rest der Geschichte können wir uns alle zusammenreimen: Die hübsche junge Frau lernte den Gerber kennen und blieb!

Eine St. Johanner Lederhose gefällig?

Und wie schaut es nun aus, wenn ich eine original St. Johanner Lederhose haben will?
„Die gegerbte Hirschhaut kann sich der Kunde direkt aussuchen. Jedes Leder hat verschiedene Merkmale, wie Pigmentflecken, Hautabschürfungen, Insektenstiche oder Bisswunden. Diese Unregelmäßigkeiten machen Leder erst so richtig individuell“, sagt die Modefachfrau. „Nach dem Maß-Nehmen wird die Hose zugeschnitten und genäht. Anhand von verschiedenen Vorlagen kann die Art und das Muster der Stickerei, die teilweise händisch gemacht wird, ausgesucht werden. Fertig ist ein hochwertiges und geschmeidiges Einzelstück mit besten Trageeigenschaften.

TEXT: RENATE NOCKER
FOTOS: PRIVAT

Renate Nocker

Renate Nocker

Renate Nocker gehört zum "Bei ins dahoam" - Team! Erdige Leut' und G'schichten aus den Kitzbüheler Alpen. Mehr Details

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Harald GOTTLIEB

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