Ein Offizier & Gentleman

Wie es ist, wenn plötzlich die Welt zusammen bricht – und wie es weitergehen kann.

Viele Menschen im Bezirk kennen Sigi Joast, den Hauptorganisator des Koasalaufes. Seit Jahren managt er das sportliche Großevent, hat es zu „seinem“ Lauf gemacht. Hier kann er seine Fähigkeiten ausspielen – Organisationstalent, das Führen eines Teams, Taktik. Geträumt hat Sigi Joast in seinem Leben aber von ganz anderen Dingen als vom Koasalauf.

Wir sitzen in einer Stube am Brunnecker Hof in St. Johann. Das schöne, alte Haus ist nach der Südtiroler Stadt benannt, die Vorfahren von Sigis Frau Monica stammen von dort. Kerzengerade sitzt Sigi neben mir am Tisch, der Blick aus den gletscherblauen Augen ist wach und neugierig. Ein fescher Mann, auch mit seinen 77 Jahren noch. Was ich wissen will? Einfach alles.

Sigi Joast wird 1939 in Kufstein geboren und verlebt auf der Festung – die Mutter ist Wirtin der Festungswirtschaft – eine unbeschwerte und glückliche Kindheit. Richtige Not leidet er nie: „I ku mi nit erinnern, dass uns echt schlecht gangen wär‘.“ Er wird Maschinenbauer und rückt 1957 als Präsenzdiener ein. Dieses Leben beim Militär mit seiner Ordnung und Disziplin, es gefällt ihm. Er verpflichtet sich, holt auf dem zweiten Bildungsweg die Matura nach und absolviert die Militärakademie in Wiener Neustadt. Als Offizier und Leutnant kommt er zurück nach Kufstein. Für mich drängt sich die Frage auf: Was kann einen Menschen dermaßen am Militär faszinieren? Sigi denkt nach und formuliert es so: „Es håt ma g’fallen, Verantwortung zu übernehmen. I håb junge Menschen führen können, ausbilden. Nit nur fachlich, sondern auch charakterlich. I håb ihnen zeigen können, dass ma nit glei aufgibt, wenn es schwerer wird, dass ma über sich selbst hinauswåchsen kånn. Des is des, wås mi g’fordert håt, woran a i g’wåchsen bin.“ Wichtig für Sigi: Er verlangt von seinen Rekruten nur das, was er selbst vormachen kann.

In den folgenden Jahren zieht es den jungen Offizier immer wieder hinaus in die Welt: nach Zypern, auf den Golan, nach Syrien, in den Libanon, nach Israel und Ägypten. Dann schickt man ihn nach Amerika zur Ausbildung. Dazwischen heiratet Sigi, bekommt mit seiner Monica zwei Kinder – Angelika und Arno. Er ist nicht viel daheim. Sigi weiß: „Dass i des alles måchen håb können, verdånk i meiner Frau, die immer sehr großzügig und tolerant war.“ Das war und ist sie wohl – und sehr stark. Dank Monica konnte Sigi Joast seiner Berufung folgen, während sie die Familie managte. Als Historikerin arbeitet sie übrigens unermüdlich – seit Jahrzehnten – an der Erforschung von Bauernhöfen. Sie veröffentlichte Bücher über Bauernhöfe in St. Johann und Kitzbühel, nun bringt sie gerade ihr vorläufig letztes über die Höfe von Oberndorf zum Abschluss. Sie hat also nicht immer nur auf ihren Sigi gewartet …

Offizier Sigi Joast

International im Einsatz

In seiner gesamten Militärzeit treibt auch Sigi viel Sport. Laufen, Bergsteigen, Klettern, Reiten, Langlaufen, Skifahren, Gleitschirmfliegen und mehr: Sigi lässt fast nichts aus, treibt sich selbst zu immer größeren Leistungen. Nur ein Beispiel: Immer wieder läuft er von Kufstein aus nach Hause nach St. Johann – über das Kaisertal. Für „Normalverbraucher“ mindestens ein Ganztagesmarsch, für Sigi ein etwas längerer Lauf. Über sich selbst hinaus wachsen, das verlangt er nicht nur von seinen Rekruten, sondern auch von sich selbst. Was er noch nicht weiß: Sein gestählter Körper wird ihm eines Tages das Leben retten.

Die internationalen Einsätze sind alles andere als ein Spaziergang. So mancher seiner ehemaligen Kameraden kommt nicht mehr nach Hause zurück, wird Opfer der Auseinandersetzungen der verschiedensten Gruppierungen, tritt auf Minen, verunglückt. Was fasziniert Sigi so an seinen Auslandseinsätzen? „Zum Einen das Abenteuer. Und ma lernt sehr viel, gewinnt an Persönlichkeit. I bin immer der Mensch g’wesen, der sich weiter entwickeln wollt.“ Was ihm auch gefällt: „Gerade was das Militärische betrifft, sieht man, dass die anderen auch nur mit Wasser kochen.“ In diesen Jahren schließt Sigi Freundschaften in aller Welt – und pflegt sie zum Teil heute noch. Sigi nimmt aus dieser Zeit nicht nur unvergessliche Erinnerungen mit, sondern auch Sprachkenntnisse. Beim Skifahren unterhält er sich heute in der Gondel gerne in englisch, französisch und russisch. Hatte Sigi denn nie Angst, nicht mehr nach Hause zu kommen? „Na, Angst wår nia mei Seit‘n und iss a heit nu nit.“

Der Tag, der alles ändert

Als Sigi Kommandant des Jägerbataillons 21 in Kufstein und St. Johann wird, ist er wieder mehr zuhause. „Des wår a wunderschön, i wår ständig im Lande. Aber dann ist der Tag gekommen, der mein Leben verändert hat“, sagt er und macht eine Pause, räuspert sich. Ich weiß nicht, was jetzt kommen wird, aber ich ahne, es ist nichts Gutes. „Es war am siebzehnten August 1988, ein Verkehrsunfall, i bin frontal mit einem Fernlaster z’sammg’stoßen,“ erzählt Sigi. Er schüttelt den Kopf. Noch heute, in diesem Augenblick, steht ein großes Warum im Raum. Die Erinnerung schmerzt. „Es kann nur Sekundenschlaf g’wesen sein.“ Sigi erleidet einen offenen Schädelbruch, ein Schädel-Hirn-Trauma, Hals- und Lendenwirbel sind gebrochen, er hat Serien-Rippenbrüche, Hand- und Fußgelenk gebrochen, ist kurz gesagt mehr tot als lebendig. Nur aufgrund seiner sehr guten körperlichen Verfassung überlebt er. Fast zwei Jahre dauert es, bis er wieder dienstfähig ist. „Dann ist leider der Tag kommen, an dem man mir mitgeteilt hat, ich werden aus gesundheitlichen Rücksichten frühpensioniert. Das war am 31.12.1989.“ Sigi ist zu dem Zeitpunkt 54 Jahre alt.

„Damals bin i in a unheimlich tiefes Loch einig’foin, bin, ma kann fast sagen, depressiv word’n“, gibt er zu. „Mir hat mein Beruf alles bedeutet. Des war dann einfach vorbei, war weg.“ Wieder macht Sigi eine kurze Pause. Und fährt dann fort: „Gesundheitlich ist es aber immer besser gegangen, i håb trainiert, geübt, viel dazu getan.“Nur weil Sigi sich wie schon vor dem Unfall selbst bis zum Äußersten treibt, kann er heute wieder und noch immer Sport betreiben, radeln, so manchen Gipfel erklimmen. „Man tuat sich selber nichts Guats, wenn man dem nachtrauert, was nimmer möglich ist. Ma muass immer nach vorne schau‘n.“

Offizier Sigi Joast
Offizier Sigi Joast
Offizier Sigi Joast
Offizier Sigi Josast
Offizier Sigi Josast

Das zweite Leben

Nun ist Sigi nach seinem Abschied vom Militär also wieder gesundheitlich einigermaßen fit und hat viel Zeit. „Da håbn sich verschiedene Organisationen auf mich gestürzt“, erzählt er lachend. Darunter auch das Organisationsteam des Koasalaufs. 1992 beginnt er als Start-Ziel-Chef, nach drei Jahren übernimmt Sigi als Lokalchef die Gesamtorganisation in St. Johann und schließlich die Agenden von Günther Huber, der plötzlich verstirbt. „Von Organisation håb i ja wås verstånden, den Lauf immer größer und größer gemacht. So is der Koasalauf zu meinem Lauf g’worden, den i zu dem gemacht håb, was er heute ist.“ Natürlich hat er das nicht allein geschafft, sondern ein Team aus 15 Mitarbeitern aufgebaut. An den Lauftagen sind es sogar an die 300 ehrenamtlichen Mitarbeiter, die alle zusammenhelfen. „Eigentlich wollt i schon aufhören, i bin reif. Mit 76, da foit da nix Neis mehr ein“, sagt Sigi heuer zu den anderen. Aber die wollen nicht auf ihn verzichten: „Schau her, du bist in Pension, hast Erfahrung und Zeit, du muasst weitermachen.“ So hat Sigi jetzt neu organisiert, Teilbereiche geschaffen, die jeder neben dem Brotberuf bewältigen kann. Und so unlieb ist es ihm gar nicht, dass man „seinen Vertrag verlängert hat“: „Es macht mir schon viel Freude.“

Dass er mit sich im Reinen und zufrieden ist, sieht man ihm an: Er schaut aus wie das blühende Leben, finde ich. „Im G’sicht feit ma jå a nix“, scherzt Sigi. Aber wenn er Sport betreibt, „tut ma‘s G’stell schon oft sehr weh.“ Aber ein Sigi Joast gibt deswegen nicht auf, sondern macht unbeirrt weiter. Der Sport hilft ihm, sein „neues, zweites“ Leben zu leben. Ohne Bewegung wäre das für ihn nicht vorstellbar. „Seit i dieses Tief überwunden håb, geht es mir zunehmend besser. I bin sehr zufrieden, håb an Haufn gute Freunde, a nettes Leben.“ Und wenn er den Unfall nicht gehabt hätte? „I wär’ bei der Armee geblieben bis zum letzten Tag, des wär‘ mein Leben g’wesen. Aber es ist anders gekommen, und i bin trotzdem zufrieden.“ Sigi hat sich dieses neue Leben hart erarbeitet, immer unterstützt von seiner Monica und der Familie. Jetzt ist er, wenn er nicht gerade organisiert oder ein Buch über Politik und die Welt liest, daheim mit seinen drei Enkelbuben beschäftigt, die mit Sigis Sohn und seiner Schwiegertochter im ersten Stock wohnen. „Immer, wenn irgendwås hi is, muass da Opa richten.“ Sie haben das sportliche Talent geerbt, darauf ist Sigi stolz. Das Aufwachsen der Enkel verfolgt er bewusster als bei den eigenen Kindern – und genießt es. Tochter Angelika lebt mit ihrem französischen Mann und den Zwillingen in San Franzisko. Jedes zweite Jahr kommt die Familie zu Besuch nach St. Johann, im anderen Jahr fliegen Sigi und Monika über den Teich. Sigi hat kein Problem damit. Das Leben hat ihn gelehrt, es so zu nehmen, wie es kommt. Und das Beste daraus zu machen.

TEXT: DORIS MARTINZ
FOTOS: PRIVAT
ERSCHEINUNGSDATUM: SOMMER 2015

Doris Martinz

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Oswald Helm

Antworten

Mitte der Siebzigerjahre absolvierte ich in der Kaserne St. Johann/Tirol unter dem Kommando von Sigi Joast den Charchenkurs. Ich muss sagen, ich habe weder vor noch nach diesem Kurs eine härtere militärische Ausbildung durchgemacht. Allerdings kann ich die Aussage von Sigi Joast nur bestätigen. Alles was er von uns verlangt hat, hat er damals als Hauptmann und Kurskommandant auch selbst mitgemacht. Schon interessant, dass so mancher junge Ausdildner längst aufgegeben hat im eiskalten Schneeregen in Hochfilzen, der Joast ist immer selber mitmarschiert. Aus beim sogenannten Basistraining ist er sich als Kompaniekommandant nicht zu schade gewesen selbst mitzulaufen. In meiner insgesamt 10-jährigen Tätigkeit beim Bundesheer habe ich nur ganz wenige derartige Kammeraden kennen gelernt!

Doris Martinz

Lieber Herr Helm, es freut mich, dass auch Sie Sigi Joast als eine außergewöhnliche Persönlichkeit kennengelernt haben. Man kann viel von ihm lernen ... Herzliche Grüße aus Kitzbühel!

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