DJ Ötzi

Von einem, der inspiriert durch Tausende Ameisen den Alpenraum überrollte und der sich aus den Steinen, die ihm im Weg gelegen sind, sein Schloss baute.

Dies ist eine kleine Reise durch eindringlichste Erlebnisse um den gebürtigen St. Johanner Gerhard ‚Gerry’ Friedle, weltweit und bei uns jedermann bekannt als DJ Ötzi, der mit über 16 Millionen verkauften CDs einer der erfolgreichsten Musiker des deutschsprachigen Raums ist. Ab Dezember ist er auf PULS 4 in der Jury der Castingshow „Herz von Österreich“ zu sehen.

Mein eindringlichstes Erlebnis geschah 2002, als ich mit Gerry und seiner Sonja, damals in freudiger Nachwuchserwartung, auf Teneriffa war, um dort in Ruhe Interviews für mein zweites Buch über den Tiroler zu schreiben.

DJ Ötzi (c) Volker Neumüller
DJ Ötzi (c) Volker Neumüller

Kurz zuvor hatte er mit „Hey Baby“ die Nr. 1 der wichtigsten Hitparade der Welt erklommen, jene in England. An einer Strandpromenade zieht es uns in eine kleine, heruntergekommene Wellblechbude, in der das trinkfreudige, vorwiegend englische Klientel Karaoke singt. Wir stehen im hintersten Eck, und der Mann mit weißem Strickhäubchen, Ringen in den Ohren und kultigem Bart wirkt angespannt. „Nein, ich darf das nicht mehr“, sagt er. Warum nicht? Warum nicht tun dürfen, was man gern tut? Nur weil er gerade die Nr. 1 in England war? Doch der private Gerhard Friedle muss erst eine Riesennervosität überwinden, um zum Überflieger DJ Ötzi zu werden, der kürzlich erst in Deutschland von der Bühne aus 20.000 Fans zum Ausflippen brachte. Hier in der Wellblechbude sind es nur etwa 50 Engländer, und die erkennen den Chartstürmer nicht. Wer würde denken, dass er sich in dieser Billigspelunke herumtreibt?

Gerry überwindet seine Auftrittsangst, geht zur Bühne, bläst kurz ins Mikro, blickt zum Bildschirm, auf dem der Text von Enrique Iglesias Hit ‚Hero’ erscheint. Und dann, als er loslegt, verändert sich sein Gesichtsausdruck. Der Winner übernimmt das Kommando. Er singt, und plötzlich wird es ruhig in der Bude. Alle starren ihn an, ohne den Blick wieder abwenden zu können. Keiner trällert mit oder klatscht. Sie sind nur verwundert, ihres Atems beraubt, und ich bin nicht der einzige, der eine Gänsehaut bekommt. Sie halten den Weltstar, der mit seiner unverwechselbaren Stimme in jeden hier tief eindringt, für einen Touristen. Gerry setzt noch einen drauf und erntet nicht enden wollenden Applaus. Die Blicke bleiben an ihm haften und der Kneipenchef bringt es auf den Punkt: „What a singer!“.

Ein Weltstar mit unverwechselbarer Stimme.

Ein Weltstar mit unverwechselbarer Stimme.

Schau, da liegt ein Penner!

Gerrys eindringlichstes Erlebnis war auch ein Karaoke-Auftritt. Das war nicht lange, nachdem sein Leben völlig am Boden war. Im wahrsten Sinne des Wortes. Wegen einem Verhältnis mit einer verheirateten Frau, bricht Gerhard als 18jähriger den Kontakt zu Familie und Freunden ab. Und als die Beziehung scheitert, landet er in Telfs in der Gosse, vegetiert einige Monate im Bahnhofgelände als Obdachloser dahin, und hört wie jemand sagt: „Schau, da liegt ein Penner“. Der Satz durchschneidet sein Herz mit einem Schnitt. Es dauert einige Zeit, bis Gerry sich von dieser grausamen Zeit erfängt – mit Hilfe des von Oma geschenkten Joseph Murphy-Buches „Positiv denken“ und dem Mädchen Michaela. Die liebt den Janis Joplin-Song „Me and Bobby McGhee“. Und weil Gerry die Michaela liebt und sie beeindrucken will, fährt er mit dem auswendig gelernten Hit zum Karaoke-Singen nach Obergurgl.

Im Lokal rutscht ihm das endlich wieder zusammengewachsene Herz sofort in die Hose. Doch Gerry fischt es wieder hoch, will es durchstehen, schaut auf den Monitor und singt. Und dann geschieht etwas für ihn völlig Sonderbares. Es bricht Riesenapplaus aus. „Dieser Applaus überfiel mich wie Tausend Ameisen“. Denn es war so was wie die erste wirkliche Anerkennung, die der mittlerweile 22jährige in seinem Leben gespürt hat. Der Jubel wird die Initialzündung für eine Weltkarriere. Und die führt wohl zu deinem eindringlichsten Gerry-Friedle-Erlebnis, lieber Leser! Denn ich vermute dass auch du die Zeilen “Ich bin so schön, ich bin so toll, ich bin der Anton aus Tirol“ mal mitgesungen hast. Zumindest heimlich unter der Brause. Jeder von uns will irgendwie schön und toll sein, nicht wahr? Außer Gerry, denn der wollte den späteren bestverkauften Austrohit aller Zeiten erst nicht singen! Genauso wenig wie Hansi Hinterseer. Aber Hansi wusste, dass er kein Anton ist. Und Gerry benötigte Omas Rat: „Gerhard, ich sage dir, das zieht! Das mag jung und alt!“. So fährt ihr Enkel 1999 nach Wien, entzündet als gläubiger Mensch im Stephansdom eine Kerze, und lässt sich, obwohl er schon zu spät dran ist, beim Friseur Haare und Bart färben, damit die Produzenten ihn cool finden. Er setzt im Studio, während sein Herz vor Aufregung trommelt, die Kopfhörer auf und singt elf Stunden lang „Anton aus Tirol’“ Bis er fast überschnappt. Und bis der Song, der schon zehn Jahre alt ist und stets nur floppte, im Kasten ist, und er in der Folge die Alpen überrollen und Musikgeschichte schreiben kann.

Die Steine, die mir im Leben immer wieder in den Weg gelegt wurden, die hab ich immer mitgenommen, um mir damit mein Schloss zu bauen.

Bald reist Gerry mit seinem Welthit „Hey Baby“ um den Globus, doch seine Heimat wird immer auch bei uns dahoam in Tirol sein. In St. Johann geboren, und weil seine Mutter ihr Kind nicht aufziehen kann, erlebt er seine ersten beiden Jahre bei seinen Zieheltern in Waidring. Erst danach erfährt sein Vater, ebenfalls DJ, dass ihm ein Kind „passiert ist“. Und als die Hände des Kleinen eindeutige als Friedle-Hände zu erkennen sind, geht Gerhards Lebensreise weiter ins Ötztal. Erst eine Skiwoche in Kirchberg führt ihn zu uns zurück – und zu seiner ersten Schmuserei mit einem Mädel! Das aber will den armen „Alpha“-Ski-Fahrer am nächsten Tag nicht mehr kennen. Autsch! Doch Gerry wird daraus seine Erkenntnis gewinnen.

Gerry Friedle mit seiner Familie

Gerry Friedle mit seiner Familie

Gerry macht Unmögliches möglich

„Die Steine, die mir im Leben immer wieder in den Weg gelegt wurden, die hab ich alle mitgenommen, um mir damit mein Schloss zu bauen“. Und als er der „Anton aus Tirol“ ist, da will ihn dann plötzlich jeder kennen. Etwa im Stanglwirt in Going, wo Gerry es sich seither leisten kann, zu logieren. Bei uns drehte er auch immer wieder mit Hansi Hinterseer für dessen TV-Show. Und nach St. Johann kehrte er zurück, um seine große Liebe Sonja im Standesamt zu ehelichen. Die Hochzeitsfeier übrigens, wie auch die heiße Hochzeitsnacht, fanden ab fortgesetzter Stunde allerdings ohne den Bräutigam statt. Ein Bournout-Zusammenbruch setzte ihn für mehrere Wochen schachmatt! Dennoch bleibt er uns treu und kehrt regelmäßig zurück, etwa um im Kitzbüheler Stadl zu shoppen und Freunde zu treffen.

Das eindringlichste Erlebnis seiner geliebten Sonja war die Geburt der kleinen Lisa-Marie. Dass Gerry überhaupt jemals Vater werden kann, schien lange unmöglich, nachdem bei ihm in jungen Jahren eine Krebskrankheit diagnostiziert wurde. Aber der Kerl hat ja Übung darin, das Unmögliche möglich zu machen. Lisa-Marie ist heute ein bildhübsches, liebes Mädchen. Ihr ist ein bisschen was von dem Goldenen Löffel zuteil geworden, der ihrem geliebten Papi wahrlich nicht in die Wiege gelegt war. Doch Gerry hat gelernt, dass es im Leben im Großen und Ganzen darum geht, immer an sein Glück und vor allem an sich selbst zu glauben, egal wie tief man auch gesunken ist.

TEXT: EDUARD EHRLICH FOTOS: PRIVAT, VOLKER NEUMÜLLER
ERSCHEINUNGSDATUM: NOVEMBER 2013

Eduard Ehrlich

Eduard Ehrlich

"G'schichtlschupfer", Drehbuchautor, Mit-Herausgeber und Autor des Printmagazins 'Bei ins dahoam‘. Mehr Details

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